Balve Optimum 2009: Stars im Interview
Die Stars des BALVE OPTIMUM im Portrait.
Springreiten:
Ludger Beerbaum:
„In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.“ Mit diesem Satz, geäußert gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat Ludger Beerbaum ein Beben losgetreten. Alle Kader wurden aufgelöst, er selbst vorerst aus dem Pool der Nationenpreisreiter gestrichen. Eine Sonderkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes wird Reiter und Funktionäre vernehmen. In Balve werden sich wohl noch mehr Augen als sonst üblich auf Deutschlands erfolgreichsten Reiter der letzten Jahre richten. Schafft er mit dem Schimmelhengst Coupe de Coeur was Rene Tebbel zweimal gelang, und wird Deutscher Meister? Es wäre Beerbaums neunter nationaler Titel. Niemand war so oft Deutscher Meister wie der 45jährige. Zuletzt gewann er 2004. Zwei Jahre später stand der viermalige Olympiasieger als Vizemeister auf dem Treppchen. Sicher ist: Coupe de Coeur und Ludger Beerbaum haben immer besser zueinander gefunden. In der Dortmunder Westfalenhalle gewannen sie in diesem Jahr den Großen Preis und waren Sechste im Weltcupfinale von Las Vegas. Auch Couleur Rubin ist ein Kandidat von Beerbaum. Mit dem Fuchshengst war er Anfang Mai Zweiter im Großen Preis von Mannheim.
Meredith Michaels-Beerbaum
Als Titelverteidigerin kommt Meredith Michaels-Beerbaum nach Balve. Mit Checkmate hat sie 2008 als erste Frau den Titel in der Männerkonkurrenz geholt. MBB, wie die Erfolgsfrau auch kurz knapp genannt wird, ist die erste Amazone, die je als Nummer eins der Weltrangliste geführt wurde. Das war im Jahr 2004. Seither hat sie die Poleposition immer wieder eingenommen, wurde auch im Mai 2009 an dieser Position geführt. Dreimal gewann die in Kalifornien geborene Frau von Markus Beerbaum den Weltcup, zuletzt im April in Las Vegas. Bei der Europameisterschaft 2007 ließ sie die männliche Konkurrenz hinter sich und holte – wieder als erste Frau - den Titel. Shutterfly und Meredith Michaels-Beerbaum gelten auch bei den internationalen Konkurrenten als das stärkste Paar der Welt. „Ich habe gelernt, mit Druck zu leben und mich darüber zu freuen. Denn viel schlimmer wäre es doch, wenn ich keine Favoritin wäre", sagt die Frau, die als Kind Präsidentin der USA werden wollte und sich später eine Karriere im diplomatischen Dienst vorstellen konnte. Doch dann wurden Pferde ihr Leben. Und von einem Trainingsaufenthalt in Mühlen bei Paul Schockemöhle kehrte sie nicht mehr dauerhaft in die USA zurück.
Marcus Ehning
So schön ist Reiten. Das kommt einem in den Sinn, wenn man Marcus Ehning beobachtet, auf dem Abreiteplatz ebenso wie im Parcours. Feine Hilfen, perfekter Sitz, zufriedene Pferde, das sind die Markenzeichen des Mannes aus Borken. Olympiasieger, dreimal Europameister ist er mit dem Team geworden und 2002 Deutscher Meister. Doch der Rotschopf kennt nicht nur die Sonnenseiten seines Sports. Lange Zeit führte er die Weltrangliste an, zählte bei der Weltmeisterschaft 2006 in Aachen zum engsten Favoritenkreis. Doch dann erlebte er ein Waterloo, schied mit Küchengirl in beiden Umläufen des Nationenpreises aus. Ein Jahr später bei der Europameisterschaft in Mannheim wiederholte sich das Schicksal. Ehning ließ sich aus dem Championatskader streichen und verzichtete auf die Olympischen Spiele in Hongkong. „Ich verdränge diese Erfahrungen nicht. Ich habe mich damit auseinander gesetzt und sie verarbeitet. Und ich habe in diesen Zeiten gemerkt, wer ein wahrer Freund ist und wer nicht", sagt Ehning, der weiter an die Stute geglaubt hat. Der Sieg im Großen Preis beim CSIO in Lummen und Platz drei im GP beim CSIO in La Baule zu Beginn der grünen Saison haben ihn in seiner Überzeugung bestärkt. Mit Leconte und Plot Blue gehört er wieder zum Championatskader. Mitte Juli wird Marcus Ehning Vater. Mutter des Kindes ist seine langjährige Freundin Nadia Zülow, die dreimalige Weltmeisterin im Voltigieren.
Carsten-Otto Nagel
Wird 2009 sein Jahr? Im vergangenen Jahr hat Carsten-Otto Nagel die Riders Tour gewonnen, war Dritter im Grand Prix von Aachen. Das Pferd, dem er all das verdankt, ist die jetzt elf Jahre - die Holsteiner Stute Corradina. „Ein Hammerpferd“, sagt Nagel. „Sie lässt mich glänzen.“ Das ist typisch für den 46jährigen Mann aus Schleswig-Holstein. Lange Reden sind nicht unbedingt sein Ding, auch wenn er nicht auf den Mund gefallen ist. Er zieht seine Bahn, hat in diesem Jahr beim Championat der Berufsreiter die Silbermedaille gewonnen. Da ritt er Lex Lugar, der wie Corradina dem Stall Moorhof gehört. Chef vom Moorhof in Wedel ist Michael Herz (Tchibo). Erster Mann im Stall seit Jahren: Carsten-Otto Nagel. Unter seiner Aufsicht ist Corradina herangewachsen zu einem der besten Springpferde der Welt. In diesem Jahr stehen für Nagel nach der Deutschen Meisterschaft der CHIO Aachen und die Europameisterschaft in Windsor ganz oben auf der Liste der Ziele, die er sich gesetzt hat. Es wäre das zweite Mal, dass der Stilist die deutschen Farben bei einem Championat vertritt – und wieder auf englischem Boden. Als Deutscher Meister gehörte er 1999 mit L'Eperon zum Team, das bei der EM in Hickstead die Goldmedaille gewann. Auch das Deutsche Spring-Derby in Hamburg gewann er in jenem Jahr.
Daniel Deusser
Sein tägliches Brot verdient Daniel Deusser jenseits der deutschen Grenze im Stall des Niederländers Jan Tops. Zuvor hatte der hoch aufgeschossene, gertenschlanke Reiter in Hessen und dann als Schüler von Franke Sloothaak auf sich aufmerksam gemacht. Platz zwei im Weltcupfinale 2007 mit Air Jordan Z gehört zu den größten Erfolgen des 27jährigen Springreiters. Der Oldenburger Hengst hat den bekannten Vererber Argentinus zum Vater. In diesem Jahr gewann Deusser mit seinem Paradepferd den Großen Preis von Braunschweig und freute sich über sein erstes gewonnenes Auto. Im vergangenen Jahr war das Paar im Grand Prix von Valkenswaard, der Wahlheimat des Deutschen, nicht zu schlagen. „Ich kann ganz gut abschalten und alles um mich herum vergessen, um mich voll und ganz auf den Parcours zu konzentrieren. Mit den Nerven habe ich normalerweise nicht so viel zu tun“, sagt Deußer über Deußer. Die Zeit bei Franke Sloothaak sei sehr wichtig für seinen Werdegang gewesen. „Bei Franke ging es noch mal ganz von vorne los – die Grundausbildung der Reiterei von A bis Z. Dressur, Springen, junge Pferde, national, international. Ich bin hundert Prozent davon überzeugt, dass ich heute nicht hier stünde, wenn ich nicht bei Franke gewesen wäre.“
Dressur:
Isabell Werth
Fünf Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, sechs bei Weltmeisterschaften, zwölf bei Europameisterschaften stehen für Isabell Werth zu Buche. Acht Mal ist sie Deutsche Meisterin gewesen und hat zweimal das Weltcup-Finale gewonnen. Und doch ist Isabell Werth, die am 21. Juli ihren 40. Geburtstag feiert, erfolgshungrig wie eh und je. Das wird auch die Konkurrenz bei der Deutschen Meisterschaft in Balve zu spüren bekommen. Satchmo, der Hannoveraner Wallach mit dem sensiblen Nervenkostüm, und Warum nicht FRH, der große, im Stall Werth nur Hannes genannte Fuchs, sind ihre besten Pferde. Aber auch die jüngeren Boxennachbarn haben schon auf sich aufmerksam gemacht. El Santo NRW hat unter der genialen Reiterin Ende 2008 den Nürnberger Burgpokal gewonnen. First Class gewann Ende Januar in Leipzig die Grand Prix Kür. Hier in Balve tritt die Dressurqueen als Titelverteidigerin an. Sie findet es gut, dass sich die Deutschen dem internationalen Modus angeschlossen haben und fortan ihre Meister im Grand Prix Special und in der Kür ermitteln. Wichtig ist ihr, dass der Weg zur Kür-Meisterschaft über den Spezial führt. Unglücklich findet sie es, dass parallel zu Deutschen Meisterschaft in Cannes die höchstdotierte Dressurserie World Dressage Masters (WDM) fortgesetzt wird. Die Prüfungen in München hat sie mit Satchmo gewonnen. Seit langem kämpft Isabell Werth für mehr Preisgeld in ihrer Disziplin, nennt die Unterschiede zu den Springreitern eklatant.
Matthias Alexander Rath
Im letzten Jahr haben Matthias Alexander Rath und Sterntaler-Unicef für Wirbel in der Dressurszene gesorgt. Der Stiefsohn von Ann Kathrin Linsenhoff war nicht nur der Aufsteiger der Saison. Nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft, die noch nach Geschlechtern getrennt ausgetragen wurde, galt er als ein Kandidat für die Olympischen Spiele und ritt beim CHIO Aachen im deutschen Team. Den Test bestand er nicht. "Ich war nie am Boden zerstört", sagte er später und verfolgte Olympia vor dem Fernsehapparat. Statt Trübsal zu blasen, widmete sich der 25jährige seinem Studium der Betriebswirtschaft und arbeitete mit Hilfe seines Vaters Klaus Martin Rath und später auch von Klaus Balkenhol weiter mit Sterntaler-Unicef. Die Arbeit hat sich ausgezahlt. In der Dortmunder Westfalenhalle gewann das Paar dieses Jahr den Grand Prix und den Grand Prix Special. Beim CDIO in Saumur gehörte es zum siegreichen deutschen Team und gewann den Grand Prix. Im Mai hat er seinen LKW-Führerschein gemacht und bekennt: „Es macht mir richtig Spaß mit dem Truck durch die Gegend zu fahren. Und die Pferde haben sich über meinen Fahrstil bislang auch noch nicht beschwert.“ Um mehr Zeit für die Pferde zu haben, ist Matthias Alexander Rath jetzt Teilzeit-Student.
Heike Kemmer
Überglücklich ist Heike Kemmer von den Olympischen Spielen aus Hongkong zurückgekehrt. Mit Bonaparte half sie, die Goldmedaille zu gewinnen - wie schon vier Jahre zuvor in Athen. Fast noch mehr gefreut hat sie sich über die Bronzemedaille in der Einzelwertung, ihre erste in einem Seniorenchampionat. Als Junge Reiterin war sie 1983 Doppel-Europameisterin geworden. Nach dem Abitur hat die gebürtige Berlinerin Betriebswirtschaft studiert, „wegen der Reiterei etwas länger“, und ihr Diplom gemacht. Bald danach zog es sie auf den Amselhof Walle. Ihr Vater Joachim Kemmer, auch er ein begeisterter Reiter und Züchter, hatte den Hof im Südwesten der Lüneburger Heide Ende der 1960er Jahre gekauft und nach und nach ausgebaut. Seit 2003 führt Heike Kemmer den Hof. Die 47jährige, die fast alle ihre Pferde von der Pike auf ausgebildet hat, mag das Leben auf dem Land und genießt ab und an Ausflüge in die Stadt. Sie freut sich, dass ihr Vater in Gesprächen mit Reitern und Züchtern weiter lebt. Gefragt nach ihrem Ziel für dieses Jahr antwortet Heike Kemmer klipp und klar: „Windsor, die Europameisterschaft!“ Bei der EM Ende August und den Weltreiterspielen 2010 in Lexington (USA) wäre sie gerne mit Bonaparte dabei. Für Olympia 2012 denkt sie an Royal Rubin oder Quantico.
Ellen Schulten-Baumer
Bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren hat die Rheinbergerin ihr Championats-Debut gegeben und freimütig bekannt: „Nachdem ich stets Fünfte und Reservistin in der Mannschaft war, durfte ich nun endlich reiten. Immer nur Ersatz sein, das ist frustrierend." Gesagt hat die Doppel-Europameisterin der Jungen Reiter des Jahres 1988 das, obwohl sie weiß, dass es nirgends so schwer ist wie in Deutschland in die Equipe berufen zu werden. "Ellen ist unglaublich nervenstark, eine Reiterin, die nichts aus der Ruhe bringt und die stets ihr Bestes gibt. Ihr ganz großes Talent ist das Einfühlungsvermögen für verschiedene Pferde und die Ausbildung“, lobt Dr. Uwe Schulten-Baumer seine Stieftochter. Und doch war ihm nicht verborgen geblieben, dass beide sich zunehmend weniger zu sagen hatten. Seit einigen Wochen gehört nun Jean Bemelmans zum Team im Stall Schulten-Baumer. Mit ihm ist die Zuversicht wieder eingezogen. Beim Dressur-Derby in Hamburg trat das neue Gespann erstmals gemeinsam auf. Zwar konnte sich Ellen Schulten-Baumer mit dem zehnjährigen Hannoveraner River of Joy nicht für das Derby qualifizieren, steigerte sich aber im Grand Prix Special und wurde Zweite. Bestes Pferd im Stall ist noch immer Donatha S, die 15jährige Donnerhall-Tochter, Ellens EM-Pferd 2007.
Monica Theodorescu
Die Olympiasiegerin von 1988, 1992 und 1996 mit dem deutschen Team hat nach einigen Jahren, in denen es ruhiger um sie geworden war, 2007 ein tolles Comeback geschafft. Mit Whisper qualifizierte sich Monica Theodorescu für die Europameisterschaft in La Mandria bei Turin und half, die Silbermedaille zu gewinnen. Wenige Wochen vorher war ihr Vater und Trainer George Theodorescu gestorben. „Es war für mich eine Pflicht, bei der EM zu starten. Mein Vater und ich hatten lange darauf hingearbeitet, wieder ein Pferd mit dem Potenzial für große internationale Aufgaben auszubilden.“ Mit Unterstützung ihrer Mutter führt die 46jährige gelernte Fremdsprachen-Korrespondentin den Lindenhof. Für ihre Hobbys - Kultur und Golf – bleibt wenig Zeit. Doch weil Monica Pferde liebt und Spaß daran hat, andere Reiter auszubilden, beklagt sie sich nicht. Für die Olympischen Spiele 2008 in Hongkong war sie Reservistin. Ziel für dieses Jahr ist die Europameisterschaft in Windsor – mit Whisper, dem in Baden-Württemberg gezogenen Fuchswallach, der ihrer Freundin Ann Kathrin Linsenhoff gehört.
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